Posts by ichgehschlafen

Hultschiner Straße 8

Schon das Aussteigen aus der S-Bahn ist dieses Mal anders, denn man will wissen, wer alles mit aussteigt. Wir sind kurz außerhalb des Stadtkerns, Berg am Laim heißt die Haltestelle und das Gebäude in der Hultschiner Straße 8 ähnelt aus der Ferne dem Monolith aus 2001. In Glas. Groß, mysteriös, aber trotzdem anziehend. Also steigt man die Treppen runter, zusammen mit den anderen Journalisten. Ihre unüberblickbare Zahl lässt mich aus dem Nichts heraus grinsen. Keiner trägt einen Hutt, keiner einen Bleistift hinter dem Ohr, keiner hat einen Notizzettel in der Hand, wir könnten im Prinzip auch in der Fußgängerzone der Einkaufsstraße am Marienplatz sein, der einzige Unterschied wäre, dass wir alle in den gleichen Laden wollen.

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Bob Woodward und Wikileaks

Am 17. Juni 1972 wurde Bob Woodward, er arbeitete noch kein Jahr für die Washington Post, damit beauftragt, einer lokalen Story nachzugehen, es ging um einen Einbruch in die Geschäftsräume der amerikanischen Demokraten, nichts Großes. Doch die Einbrecher arbeiteten für die CIA, in den Notizheften fand sich die Nummer des Weißen Hauses, die Story wurde größer. Und irgendwann zum Watergate-Skandal. So beginnt das Erwachen des öffentlichen Interesses an der Person des Präsidenten: Wer ist er? Was hat er gemacht? Wir wollen das wissen, demokratisch gesehen ist er uns verpflichtet, also haben wir ein Recht auf seine Korrespondenzen, auf seine Gedanken, gebt sie uns zu lesen! Diese Kausalitätskette wird in Gesetzesform festgehalten, dem Presidential Records Act (PRA).  Wenn man heute über Wikileaks spricht, muss man hier anfangen.

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Wikileaks und was Ischinger nicht sagt

Das Problem bei dem anstehenden Wiki-Leak wird in diesem Interview der “Frankfurter Rundschau” zwar angedeutet, aber dann weiträumig umschifft: Auch wenn die Komplettaufhebung der Grenze zwischen einer Geheim-Korrespondenz und der Sichtbarmachung ebendieser zwar eine neue Spielregel einführt, denn der eigentliche Sinn, das taktische Lästern, kann nur stattfinden, wenn die Person, über die gesprochen wird, nicht  mithört, erklärt das noch lange nicht, warum amerikanische und britische Regierungskreise derzeit so beunruhigt sind. Genau darauf geht Wolfgang Ischinger im obigen Interview eben nicht ein.

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Was muss ich noch lesen?

In der aktuellen “Zeitgeist”-Kolumne (noch nicht online) beschwert sich Josef Joffe, einer der Herausgeber der “Zeit“, darüber, dass die Jugend einer permanenten Beanspruchung durch das mobile Leben (Was ist auf Facebook? Habe ich neue e-Mails/SMS bekommen? Gibt es ein neues Video von Künstler XYZ?) ausgesetzt sei und deshalb nicht mehr zur Ruhe komme. Diese Ruhe sei aber notwendig, schaffe sie doch den Raum zum selbstständigen Denken. In seinen Worten: Read more

Nächstes Mal anders

Es gibt diese Geschichten, man hört sie immer wieder und im ersten Moment fühlt man sich unglaublich ergriffen und auch ertappt, meint, die Welt in einer Anekdote durchschaut zu haben und nun einen Bruch machen zu müssen, alles umzukrempeln, die guten Vorsätze brauchen dieses Jahr kein Silvester. So eine Geschichte, ob es eine Großstadt-Legende ist oder nicht, spielt an dieser Stelle keine Rolle, ist zum Beispiel die eines Mannes, der von der Golden Gate Bridge springt. Während der Ermittlungen finden die Beamten eine Abschiedserklärung, auf der geschrieben steht: “Heute werde ich zur Brücke laufen. Falls mich auf dem Weg dorthin irgendjemand anlächelt, dann werde ich nicht springen.”

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Aus den Interviews #4

„Wenn wir in der Nachbarschaft irgendetwas wahrnehmen, dass da plötzlich drei etwas seltsam aussehende Menschen eingezogen sind, die sich nie blicken lassen oder ähnlich, und die nur Arabisch oder eine Fremdsprache sprechen, die wir nicht verstehen, dann sollte man glaube ich schon mal gucken, dass man die Behörden unterrichtet, was da los ist.“ (Ehrhart Körting, SPD) Read more

„Missstände, aber keine Konsequenzen“

Energisch packt sie sich das Megafon und steigt auf einen Holzstuhl, um die kleine Menschentraube voll zu überblicken. Sie will was sagen, setzt an, ihre Gesichtsmuskeln verkrampfen, offensichtlich spricht sie, aber was?, es bleibt ein Geheimnis, ihre Worte werden von einem Störgeräusch übertönt, das Megafon funktioniert nicht richtig. Sie setzt erneut an. Menschen halten sich die Ohren zu, vereinzelt dringen Worte durch den Lautsprecher: „Studiengebühren“, „liebe Protestierende“, „zu hoch“. Und noch einmal: „Zu hoch“. Read more

Burnout.

Ich ziehe mein T-Shirt hoch, um nachzusehen, warum sich meine Haut so komisch anfühlt. Ich bin komplettübersät mit Quaddeln. Nicht hier und da eine verloren wirkende plateauförmige Erhebung, nein, der ganze Körper angeschwollen, von der Brust zum Bauch, der Hals, die Innenschenkel, der Nacken, bis hinein in die Zwischenräume der Finger, ein wandelndes Krankheitssymptom auf zwei Beinen. Ich fahre mit dem Finger über die Fremdkörper und spüre nur die umliegende Haut, während ich sie verforme. Read more

Also keine I ♥ Blogs

Ich weiß noch, vor ein paar Monaten, als es um die Reddit-Aktion ging, mit diesem kleinen Mädchen ging, deren Adresse durchs Internet gereicht wurde, weil sie ein Mundwerk hatte, dass selbst Eric Cartman aussehen ließ wie einen cockneybritisch sprechenden Charmeur im Kleinformat, da fiel die Reaktion hierzulande einstimmig aus: So was ist ein No-Go. Klar, man hat seine großen Parameter, Recht ist sehr schnell von Unrecht zu trennen, wenn es um weinende Kinder geht. Dass der moralische Kompass aber auch hierzulande überhaupt keine Orientierung besitzt, wurde heute wieder eindrucksvoll zur Schau gestellt. Read more

Visual Writing oder I ♥ J. S. Foer

Sie stand vor mir, keine zwei Meter entfernt, eine Armlänge vielleicht, ich könnte sie auffangen, würde sie hinfallen, aber der Wind ging schärfer, wehte ihre Silben in die Nacht, so mussten wir auf die Nfebenstraße ausweichen. Sie erzählte mir vom Expressionismus, über seine drei Phasen, darüber, wie die Kultur-Avantgarde einen Krieg herbeisehnte, vom Blauen Reiter bis Ernst Toller, ein Krieg, der in ihren Augen so unausweichlich schien, denn ohne ihn würden sie keinen neuen Menschenschlag erschaffen können. Read more

Moslem, Moslem, was hast Du getan?

Es gibt diese eine Geschichte, die seit Wochen von einer Zeitung in die nächste weitergereicht wird. Es ist die Geschichte des arbeitswütigen Ausländers: Ein Kind, das von seinen Eltern zum Workaholic gedrillt wird; Väter (deutlich unterrepräsentiert in der Erwähnung: Mütter), die ihren Sprösslingen Sätze à la “Du musst besser als die Deutschen sein, wenn Du hier was erreichen willst” ins Gehirn tätowieren. Und erstaunlicherweise wird diese Empfehlung nur in einer Richtung verstanden. In etwa so: “Sieh an, die Ausländer haben verstanden, wie der Hase läuft”, also als ein Zeichen der Integrationswilligkeit. Aber dass dieser Satz auch heißen kann “In Deutschland musst Du besser als ein Deutscher sein, weil Du bei gleichwertiger Qualifikation den “Makel” hast, Ausländer zu sein und damit automatisch minderqualifiziert bist und diskriminiert wirst.”, diese Fundamental-Kritik wird nicht in Betracht gezogen. Das bringt die selbstgefällige Blindäugigkeit einer Mehrheitsgesellschaft präzise auf den Punkt. Aber hierzulande geht man lieber dem Problem der sog. “Deutschenfeindlichkeit” nach.

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Was darf Werbung?

Da weht ein rauher Wind durch die Blogs, sei es bei den Rebellen oder in einem Posterous-Beitrag. Beide beschweren sich aus je unterschiedlichen Gründen über eine Guerilla-Aktion des Unternehmens Sixt, aus je unterschiedlichen Gründen. Was bei Person A die Verbandelung der Werbeagentur mit dem Energie-Riesen RWE ist, ist für den anderen der Eingriff in die Spielregeln des demokratischen Protests. So sehr ich die Intention bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen kann – der moralisch fade Beigeschmack – so wichtig ist es mir zu betonen, dass man vielleicht noch mal drüber nachdenken sollte, worüber man sich hier eigentlich beschwert. Darum sollte ich erst die Agentur betrachten, bevor ich dann auf das Argument der Amoralität eingehe.

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Maulaufkriegen

Die härteste Währung ist immer noch das Reden. Hätte ich mein Maul nicht aufbekommen, hätte er nicht gewusst, wie ich ticke. Hätte er nicht gewusst, wie ich ticke, hätte er nicht an mich gedacht. Hätte er nicht an mich gedacht, hätte er nicht angerufen. Dann hätte ich niemals diese Chance bekommen, nach der ich mich doch seit so langer Zeit sehne. Und immer den ersten Schritt gemacht habe. Erfolgreich. Und immer den zweiten Schritt folgen ließ. Immer erfolglos. Read more

Aus den Interviews #3

“Tatsache ist: Gescheitert ist die Nichtintegration. Wir haben uns insgesamt in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig bis gar nicht um die Integration gekümmert. Erst seit wenigen Jahren legen wir Wert darauf, dass Kinder von Migranten Deutsch sprechen können, wenn sie in die Schule kommen. Erst seit Ende der neunziger Jahre machen wir überhaupt so etwas wie eine Integrationspolitik.”

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Es geht nicht (nur) um Obama.

Die Schlagzeilen verweisen alle in eine ähnliche Richtung: „Der blutleere Präsident“, „Denkzettel für den Präsidenten“ (beides SZ), „Abrechnung  mit Mr. Perfect“, „Supermacht im Superstillstand“ (Spiegel), „„Yes, we can“ ist Geschichte“ (FAZ) oder auch „Das Ende des Messias“ (Die Zeit). So grundrichtig es ist, dass die Demokraten 60 Sitze abgeben mussten, so unbeantwortet bleibt die Frage nach dem Kontext. Ergebnisse abzurufen und daraus ableitende (und gut geschriebene) Jetztzeit-Analysen zu verfassen, das ist nur die eine Seite. Wichtiger wäre es, Obama mit anderen Präsidenten zu vergleichen. Read more

ich schwörs dir!

Das Bild da oben ist übrigens mein persönlicher Grund, jeden Tag ein (neues) Philosophie-Buch aufzuschlagen. Schaut hin, was seht ihr? Ja, wow, eine Tag-Cloud, wie lame, das gibt es bereits seit 2002, wenn Wikipedia nicht lügt. Das Cover da oben ist aber aus dem Jahre 1992 und die Erstversion des Buches 1980 erschienen. Und tatsächlich wird darin genau das vorweggenommen, was heutzutage als gegeben vorausgesetzt wird. Was das ist und wieso das Blog hier  seine Idee diesem Schinken von Gilles Deleuze und Felix Guattari verdankt, dazu jetzt mehr. Read more

Der letzte DVD-Kauf

Mein Vater sagt kluge Sachen. Vor knapp 12 Jahren kam er in mein Zimmer und sagte: “Sohn, anstatt den ganzen Tag vor dem PC rumzuhängen und zu spielen (Worms 2), setz’ Dich lieber mit dem PC und dem Internet auseinander.” Ohne jemals irgendeine Fachzeitschrift in die Hand genommen zu haben, ohne an irgendeiner Form von kulturellem Wissenaustausch zu partizipieren, einfach aus gesundem Menschenverstand heraus, wohlgemerkt. Ich ignorierte das umgehend und zahle heute die Strafe dafür, dass ich für jeden Kleinscheiß zu Hannah oder Chris rennen muss. Auch wenn sie gerne und immer helfen, diese Ohnmachts-Position widert mich an.
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Schlaf nicht zu denken

Und dann sitzt Du da mit der Kinnlade unten und schaust die anderen drei nur über die Verspiegelung im Fenster an. Siehst sie da sitzen und hörst sie laut vor sich hinreden, etwas angeregt, rein von den Bewegungen her könnte man meinen, sie seien betrunken. Doch dazu sind die Gedanken zu klar ausgearbeitet, der Plan schon drei-vier Ecken zu konkret ausgeheckt, die Gewaltfantasien zu nüchtern formuliert. Read more

Aus den Interviews #2

Chris Dercon: Oder die Latte-Macchiato-Generation, deren größte Aktivität ist das Plattenauflegen. Studenten allerdings habe ich im Haus der Kunst nur selten gesehen.

SZ-Magazin: Wirklich? Warum kommen die nicht? Das Univiertel ist ja um die Ecke.

Chris Dercon: Weil sie sich nur für ihre eigene Sache interessieren, weil sie durch ihr Studium hetzen, in der Angst, sonst ins Hintertreffen zu geraten. Dieser Tunnelblick widerspricht meiner Vorstellung von Bildung. Alles hat mit allem zu tun. Read more

Augen zu.

Du kennst doch die Straße, wenn man von der S3 aus zu mir geht? Die Betonwüste entlang, unter der Brücke durch, an den Treppen vorbei, dann links, die Straße bis zum Ende durchgehen, rechts abbiegen,  auf die andere Seite wechseln. Da, wo die Hundewiese beginnt. Genau hier. Da stand ich damals immer und habe meine Augen geschlossen, kaum ein Däumling und schon ein Amigo-Viereck auf dem Rücken. Wie das halt so ist, wenn man versucht, die Unsicherheit zu besiegen, in dem man sich in ihr zurechtfinden will. Ein Fuß vor den nächsten setzen, blindgehen lernen. Read more

Sizzla, Reggae und die Meinungsfreiheit

I got my brain on hype.
Tonight’ll be your night.
I got this long-assed knife.
and your neck looks just right.
My adrenaline’s pumpin’.
I got my stereo bumpin’.
I’m ’bout to kill me somethin’.
A pig stopped me for nuthin’!
(Anm. H.T.: Pig ist ein abwertendes Synonym für “Polizist”)

Cop Killer, better you than me.
Cop Killer, fuck police brutality!
Cop Killer, I know your momma’s grieving, (Fuck her!)
Cop Killer, but tonight we get even, yeah!
(Body Count – Cop Killer)

Als dieses Lied zum ersten Mal gespielt wurde, 1991 auf dem Lollapalooza-Festival, wurde der Inhalt dieses Songs massenmedial so gut wie gar nicht wahrgenommen. Doch binnen eines Jahres generierte dieses Musikstück im Land der Meinungsfreiheit einen solchen Hype, dass selbst der damalige Präsident der Vereinigten Staaten sich dazu genötigt sah, in dieser Debatte gleich mit mehreren Kommentaren präsent zu sein: Unter anderem beschuldigte George Bush Senior den Songwriter und Rapper Ice-T „(mental) krank“ zu sein.

Die Popularität dieses Songs hängt unweigerlich mit der Rodney King-Kontroverse zusammen: Amerikanische Polizisten verhaften einen Schwarzen, verprügeln ihn und werden am Ende freigesprochen. Die (schwarze) Bevölkerung ist derart unzufrieden, dass die Proteste schnell in Gewalt umschlagen und eskalieren. Dieser Song von Body Count, der auf Grund des Protestes letzten Endes von der CD genommen (aber trotzdem auf Konzerten gespielt) wurde, beschreibt eine fiktive Handlung einer fiktiven Person. In Ice-Ts Worten: “Ich habe noch nie einen Polizisten getötet. Wenn ihr denkt, dass ich ein Cop-Killer bin, dann glaubt ihr auch, dass David Bowie ein Astronaut ist“. Man möchte hinzufügen: Oder dass die Beatles und Jimmy Hendrix ihre Freundinnen und Frauen eher umbringen, als sie mit einem anderen Mann zu sehen, Pink Floyd Schwule an die Wand stellen will und Bob Marley, der personifizierte Frieden, es tatsächlich fertig bringt, einen Polizisten zu erschießen. Aber dem ist eben nicht so. Radikale Texte sind also nicht per se zu verurteilen, es gilt zu differenzieren.