Seit geraumer Zeit merke ich, dass ich frühmorgens am Briefkasten vorbeigehe und die Tageszeitung einfach im Schlitz liegen lasse. Vergesst ganz kurz diesen Rattenschwanz an Assoziationen, den so ein Satz mit sich bringt, denn für mein Argument spielt das Medium an sich keine Rolle. Ob Zeitung oder Text im Internet auf der Onlineseite derselben Zeitung ist im Grunde egal, mich stört die Form: Mich stört der Artikel an sich.

Ein Zeitungsartikel ist statisch. Nicht nur in der Art, wie er geschrieben ist, sondern auch in der Funktion, die er erfüllt. Theoretisch müsste ich, wenn ich einen Artikel lese, am Ende davon über alle relevanten Teile eines Ereignisses Bescheid wissen. Revolution in Ägypten verschlafen? Kein Ding, lies diese Nachricht, wir bringen dich auf den letzten Stand. Das geht klar, man kann nicht so arrogant sein und erwarten, dass alle zu jedem Zeitpunkt auf dem aktuellsten Stand sind. Das ist aber nicht der Punkt.

Der Punkt ist das andere Ende. Was ist mit den Informierten? Mit denen, die schon wissen, was die Eckpunkte eines Themas sind? Haben diese Menschen nicht gleichermaßen das Recht, von den unzähligen Wiederholungen verschont zu werden? Kann man von Nicht-Journalisten erwarten, dass sie über den Aufbau von Nachrichten, vom Prinzip der umgekehrten Pyramide etc. Bescheid wissen? Es ist doch so, dass man, wenn man up-to-date sein will, alles lesen muss – und zwar alles immer wieder. Das ist nicht nur wahnsinnig zeitraubend, es ist auch einer der Gründe, wieso Nachrichtenlesen so unbefriedigend ist. Tagesaktuell sein heißt gleichzeitig, die Leute mit Infos zu nerven, die sie ohnehin schon kennen.

Das ist keine Anklage, das ist ein Ist-Zustand. Natürlich sind sich die Redaktionen darüber bewusst und es entwickeln sich Konzepte, wie man damit umgehen soll. Speziell eine Sache ist mir dabei aufgefallen. In den USA entwickelt sich eine Linkkultur. Felix Salmon von Reuters hat Counterparties gelauncht, The Daily Beast hat den Cheat Sheet, viele Nachrichtenredaktionen fangen auch an, sich auf Tumblr auszutoben (zum Beispiel der “Economist“, der zwar den Fokus darauf hat, größtenteils eigenen Content zu verlinken, aber soweit ich das sehe, verlinkt man auch dort zu anderen Stories), Vanity Fair, Washington Post, New Yorker und andere betreiben zusammen “Longreads“. Das sind nur ein paar der Beispiele, die allesamt Ausdruck einer Anerkennung sind: “Link to the beat“. Wenn es jemanden gibt, der eine Sache gut macht, dann wird das jetzt entsprechend gewürdigt. Noch heißt es zwar nicht, dass die Artikeldichte deswegen verdünnt wird, es geht aber schon in diese Richtung. Die Ich-Fixiertheit der Redaktionen ist damit hoffentlich auf lange Sicht passé. Sie war nie zeitgemäß und es ist gut, wenn sie jetzt endlich wegbricht aus den Denkstrukturen. Das ist aber nur ein kleiner Teil dessen, was ich meine.

Was wir jetzt machen müssten (was wahrscheinlich auch gemacht wird in einigen Redaktionen), ist eine neue Art für Artikel zu finden. Das ist kein Gedanke, den nur ich habe, erst letztens im Gespräch sprach Johannes genau den gleichen Gedanken aus. Die Artikel müssten anders gestrickt sein. Um Johannes’ Beispiel zu benutzen, die Artikel müssten aufgebrochen werden – so wie Soundcloud zum Beispiel die Kommentarkultur aufgebrochen hat. Die Kommentare stehen nicht länger chronologisch sortiert untereinander, sondern sind an eine spezifische Stelle im Track gebunden. Aufbruch. Man müsste konzeptionell an einen Punkt kommen, an dem man nicht länger in jedem Artikel eingeführt werden muss, nicht immer wieder, man müsste die Wiederholungen rausschneiden, man müsste eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die einen Anfang hat und ein Ende. Eine sich entwickelnde Geschichte. In der man versucht, den Leser an einer Stelle zu informieren. Man schreibt nicht mehr alles in jeden Artikel, man hat sein Thema und trägt dort die entsprechenden Stories ein und nach und schreibt die Geschichte fort.

Das passt auch mehr zu dem Zeitalter, in dem wir leben. Die Kultur des Streams. Alles fließt und wenn man Lust hat, klinkt man sich ein. Wenn man Lust hat, navigiert man an entsprechende Stellen und informiert sich. Genau einmal. Oder mehrfach, wenn man es immer wieder vergisst. Ich bin mir im Klaren, dass Stream auch bedeutet, dass man quasi automatisch dabei ist, weil es kein Anfang und kein Ende gibt, aber ich wüsste nicht, wie man Geschichten, die nun mal ein Anfang und ein Ende haben, um dieses erleichtern sollte. Aber machen wir das an einem konkreten Beispiel fest.

Der Guardian hat diese vielzitierte Timeline des arabischen Protestes. Eine Seite, auf der die ganze Geschichte erzählt wird. Wenn ich wissen will, wie das alles abgelaufen ist, hier zeigt man mir genau das. Wann ging es los, was ist passiert und wie ging es in anderen Ländern ab? Eine Seite als Ausgangspunkt, die mich an der Hand nimmt und durch die Entwicklung führt. So wie das jetzt gelöst ist, stehen hinter den einzelnen Wegmarken wiederum Artikel, aber das könnte man ja lösen, indem man es – nun ja – einfach an diese Wegmarken schreibt und die Leute nicht mehr prinzipiell wegschickt. Wenn ich wüsste, es gibt eine Seite, auf der die Geschichte immer so weit ist, wie ich es bin, die mir die Möglichkeit gibt, meine Info auszublenden, weil sie mir per Grundeinstellung den letzten Stand anzeigt und erst auf Anfrage das, was davor passiert ist, dann wäre das die Adresse, die ich als erstes ansteuern würde. Ich zumindest. Wie genau das umgesetzt sein müsste, keine Ahnung. Mein Geld liegt im Topf für “Stream”:

Ich weiß, dass nicht jede Geschichte auf diese Art und Weise erzählt werden kann. Fußballspiele finden statt und sind dann vorbei, da macht es keinen Sinn, eine Zeitleiste aufzuziehen. Aber es gibt Situationen und Ereignisse, die nach einem neuen Format verlangen. Noch gibt es dafür aber nichts. Noch – und darauf würde ich auch gerne hinweisen – gibt es übrigens auch nicht viel, das den Online-Journalismus kategorisch von Print unterscheiden würde. Gut gemachte Liveblogs auf jeden Fall. Was noch? Artikel zu editieren und anzupassen? Themendossiers? Please.