Eigentlich wollte ich es bei diesem Tweet belassen, aber da der Blog-Rant von mspro heute auch im BildBlog verlinkt wird, ein paar Anmerkungen zu dem Thema.

1.) Das Offensichtliche: mspro hat Unrecht. Um es polemisch zu sagen: Vielleicht lebt er ein wenig zu eingenistet in seiner Filterblase, aber zu behaupten, dass die Geisteswissenschaften sich nicht mit Technik auseinandersetzen, ist schlicht und ergreifend falsch. Ich habe keine Ahnung, wie das in anderen Fachbereichen aussieht, ich kann nur für die Politik/Philosophie  sprechen.

Fangen wir an bei Paul Virilio. Der hat zusammen mit Philippe Petit bereits 1996 anhand des Siegeszugs des Internets mit Philippe Petit eine Interview-Reihe geführt (auf deutsch: “Cyberwelt“). Seine Position an sich ist nicht wirklich der Rede wert, er zerfließt im Fatalismus, aber nichtsdestotrotz beschreibt Virilio in klaren Worten, dass man mit der Erfindung des Internets keinen Grund mehr hat, am Konzept der Zeiten festzuhalten, ihr wisst schon, in den USA ist es gerade Nacht, so’n Kram.

Die Einführung der Echtzeit durch die neuen Technologien ist, ob man will oder nicht, die Einführung einer Zeit ohne Zusammenhang zur historischen Zeit. [...] Die Fähigkeiten zur augenblicklichen Interaktion und Interaktivität führen zu der Möglichkeit, eine einzige Zeit einzuführen, eine Zeit, die sich dadurch nur noch auf die universelle astronomische Zeit bezieht.

Von hier ausgehend knüpft er an seine Geschwindigkeitstheorie an, wie sehr das alles mit Macht zusammenhängt (kurz: wenn ich in einer Zeit der kaum vorhandenen Infrastruktur als Staat die Straßen kontrolliere,  dann bin ich nicht nur Motor des gesellschaftlich rasant ansteigenden Wachstums, weil alle Waren über See- und Handelswege ins Land kommen, ich habe auch ungeheure Macht, weil ich eben an dieser zentralen Schaltstelle, der Straße, sitze) und kommt zu allerhand totalitären Angstphantasien, aber: Das ist hier egal. Virilio ist ein Beispiel der sehr frühen Auseinandersetzung zwischen Technik und deren Auswirkungen auf die Politik. Genau das, was mspro will, wenn er von der  Politikwissenschaftlerin verlangt, dass sie sich mit den Machtimplikationen auseinandersetzt.

Das ist ein historisches Beispiel. Kommen wir zum Foreign Policy-Magazin, kommen wir zu Danah Boyd. Foreign Policy ist ein Fachblatt, gäbe es das Internet nicht, es würde eine geringe Menge von Menschen interessieren: Außenpolitik-Wissenschaftler. Aber seit dem Internet, und insbesondere seit dem arabischen Frühling sind sie direkt am Puls der Zeit. Mit Analysen, Aufarbeitungen, Diskussionen, auch als einer der ersten Stellen, die geschaut haben, wie Twitter und die Revolution zusammenhängt. In anderen Worten: Das Magazin nutzt das Internet vorbildlich (wird auch nonstop von Andy Carvin verlinkt z.B.), mit Stephen Walt bloggt dort eine Fach-Koryphäe (die ich scheiße finde, das aber nur als Randnotiz). Alles in allem findet dort genau das statt, was ein Politik-Magazin dieses Schlags heute bringen kann.

Jetzt zu Danah Boyd. Die hat vor zwei Jahren beobachtet, dass MySpace nicht nur verlassen wurde, weil Facebook einen Hipness-Faktor entwickelte, sondern, im Gegenteil, weil MySpace als “Ghetto” wahrgenommen wurde.  Ihre These (PDF) ist, dass es eine digitale Klassenbildung gegeben hat. Dieser Vorwurf kam auch in den Kommentaren bei mspro. Dort ruderte er zurück und begrenzte seinen Rant auf Deutschland. Später ruderte er noch weiter zurück und sagte, dass es einfach zu wenige Wissenschaftler an sich seien. Damit hat er Recht. Aber als These ist das halt nicht so griffig, nicht so marktschreierisch, es ist trocken Brot. Also lieber die großen Sprüche klopfen. Und wer wollte ihm das schon verübeln in einem Land, in dem Google, also ein Konzern, ein Internet-Institut gründet? Damit kommen wir zum zweiten Punkt.

2.) Keiner wird ihm das verübeln. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht hat man sich hier so sehr eingerichtet in der gefühlten eigenen Überlegenheit. Täglich grüßt das Machtgefälle. Genau das macht diesen Artikel so schlecht. Er gibt vordergründig vor, ein Publikum zu addressieren (“Liebe Geisteswissenschaftler”), in Wahrheit spricht er aber zu den eigenen Leuten. Er spricht zu Twitterern, zu den Vernetzten, zu den Menschen, die das Glück hatten, das Internet zu ihrem Job machen zu können. Simple Frage: Hat er wohl e-Mails an Geisterwissenschaftlerinnen geschickt? Oder seinen Blogbeitrag per Twitter explizit an Fachleute geschickt? Oder, wenn es auf Twitter keine Fachleute gibt, hat er versucht, die Leute zu erreichen? Ich weiß es nicht, das ist eine Frage. Ich bezweifle es.

Natürlich habe ich nichts gegen mspro persönlich, im Gegenteil, seine Querology und der Großteil der Sachen, die er so bringt, kann ich feiern. Das hier aber nicht. Zu simpel.