A Fake Girl in Damascus

Jaja, zu spät.
Der #Amina/GayGirl-Damascus-MacIrgendwer-Hoax ist so gut wie durch, die Positionen sind klar:
1.) Das Internet ist böse, man kann niemandem vertrauen.
2.) MacIrgendwer gibt vor, die Situation von LGBT in Syrien zu stärken.
-
Aber alles, was er wirklich draufhat, ist ein rassistisches Klischee zu bedienen: starker weißer Mann leiht hilfloser Frau eine Stimme. “Is there anything more Orientalist than the White Man of the West posing as a Damascene “girl” and writing on her own behalf?” (Quelle, via tante_nadia) Dass es MacMaster nicht um Amina ging, sieht man an seinem eigenen Blogpost und auch an der eMail-Antwort, die er Electronic Intifada gegeben hat. Dort steht: “Yes. We will be doing a first interview with a journalist of our choice in 12-24 hours. After that, we may consider other media.” Spricht für sich und Bände.
3.) Die Medien haben versagt, da sie genau das Bild in Szene gesetzt haben, das sich so wunderbar kantenlos in ihre Weltsicht einfügte.
- Nur kurz zu diesem Punkt: Es waren auch Medien/Journalisten, die das Bild wieder gerade gerückt haben.
4.) Und natürlich ist man sauer in Syrien.
Aber mich interessiert der journalistische Aspekt an der ganzen Geschichte, denn die zentrale Frage wird beim Guardian behandelt: Wie prüft man Online-Identitäten? Nicht jeder Journalist verfügt über die Reichweite von Andy Carvin, der vor sechs Tagen die Existenz von Amina in Frage stellte, aber nach langem Hin und Her davon ausging, dass es keine fiktive Person sei.
Es gibt im Prinzip drei Möglichkeiten für Online-Journalisten: (Keine Ahnung, warum das hier ein Bulletpoint-Blogpost wird, drängt sich mir aber auf)
1.) Man recherchiert ein wenig auf eigene Faust. Und scheitert.
- Man kann den Journalisten nicht einmal wirklich vorwerfen, dass sie auf Tom reingefallen sind. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat der Typ eine fiktive Person kreiert, denn er dachte, dass seine Kommentare zum Thema Israel nicht ernst genommen werden, weil er Amerikaner ist. Seine Annahme war, wenn eine Syrerin inhaltsgleiche Positionen vertrete, würden ihm mehr Menschen zustimmen. Dann aber verläuft sich alles, Tom gründet den Amina-Blog, kommentiert unter Amina, baut sich eine Online-Identität auf, steckt Liebes in Detail, baut die Geschichte auf wie einen Film. Amina ist also nicht der übliche Fakeaccount, den man mit einer kurzen Google-Suche entlarven könnte. Man kann es den Journalisten (noch) nicht mal übel nehmen, auf diese Person reingefallen zu sein, obwohl dieses Phänomen an sich schon sehr lange bekannt ist. Man muss diesen Fall abgrenzen von den üblichen Trashmail-Accounts.
2.) Man glaubt keiner Person, die man nicht indirekt kennt
- Dieser Vorschlag kommt von Antje Schrupp. Indirekt kennen heißt, wenn ich dich kenne, dich gesehen habe, mit dir in einem Raum war, also weiß, dass du real bist, dann – und nur dann – kann ich dir auch glauben, wenn du mir sagst, dass eine andere Person existiert. Ich kenne Franz, Franz kennt Hans. Ich kann nur wissen, dass es Hans gibt, wenn ich Franz kenne (und ihm vertraue). Im erstem Moment ist das einleuchtend, in Wirklichkeit aber furchtbar unpraktisch und nicht gangbar. Wenn es um Themen geht, die sich langsam verbreiten, mag es vielleicht Sinn ergeben, weil man die Zeit hat, eine Geschichte wachsen zu lassen. Für Journalisten aber ist das nichts, ich kann mich unmöglich ausschließlich auf Menschen beschränken, die ich schon einmal gesehen habe.
Natürlich muss ich herausfinden, ob die Person real ist oder nicht. Und ich weiß nicht, wie gut Antje Schrupps Connections in die LGBT-Szene in Syrien sind, ich jedenfalls habe keine. Zumindest nicht, dass ich wüsste. Und bei jeder Story auf das Kleine-Welt-Phänomen zu vertrauen und mit den Recherchen im Freundes/Gekanntenkreis zu beginnen, halte ich für unnötig zeitraubend. An der These an sich würde ich nur einen kleinen Aspekt verändern.
3.) Man findet die Expertise
- Das, was ich hier vor Kurzem die kuratierte Masse genannt habe. Meine Annahme ist, dass die Welt dank Google & Social Media erfassbar, zuverlässig erfassbar ist. Ich habe die Amina-Geschichte nicht von Anfang an verfolgt, aber was ich weiß, ist folgendes: Ab dem Moment, in dem Zweifel geäußert wurden – von der LGBT-Szene in Syrien, dann durch das Auffliegen des Bilderklaus und schließlich auch von Carvin – ist die Geschichte binnen fünf Tagen in sich zusammengebrochen. Warum? Weil es vor Ort Menschen gab, die sich für das Thema interessierten und von denen man wusste, dass diese über die nötige Kenntnis verfügen, dass sie vernetzt waren. Für die These von Schrupp heißt das: Ich muss die Menschen nicht kennen, ich muss auch niemanden kennen, der die Personen kennt oder schon einmal persönlich gesehen hat. Ihre These funktioniert auch wunderbar ohne das persönliche Element. Es reicht aus, wenn eine Person, deren Echtheit bekannt ist (ob ich sie persönlich kenne oder nicht, spielt eben keine Rolle), für die Echtheit einer anderen Person bürgt.
Das vereinfacht alles, ohne dass man Gefahr läuft, hinters Licht geführt zu werden. Das sagt sich jetzt aus der Distanz eher einfach, aber ich glaube ernsthaft, dass es zu jedem Thema Fachmenschen gibt und dass man diese Fachmenschen auch sicher finden und – weil es nun einmal Fach(!)menschen sind – dazu motivieren kann, bei einer Geschichte behilflich zu sein. Damit wird zwar der Gatekeeper weiter aus den Fugen gehoben, aber das soll mir recht sein.
Um das noch ein wenig auszuführen: Es geht mir nicht ausschließlich darum, mich für “Expertise” einzusetzen. Es kann auch Fälle geben, in denen man auf Zeugen zurückgreifen muss, die man einfach nicht kennen kann, die davor nie gebloggt haben, die plötzlich da sind. Man braucht in solchen Fällen immer eine Mehrstimmigkeit, mehr als eine Person. Nicht erst seit Amina, aber gerade ihr Fall, und darum ist man zurecht so sauer, hat die Anonymität ein wenig mehr in Misskredit gebracht. Weil es so gut gefaked war.
Ist nicht zu spät gewesen – ich habe das Gefühl, dass sich die Szene erstmal sammeln musste, um den kollektiven Schock zu verdauen, dass mensch da reingelegt wurde. Das mit dem über zwei Ecken kennen ist ein hehrer Vorsatz, leider aber tatsächlich nicht praktikabel, weil ich ja nicht sicher sein kann, dass Franz Hans wirklich kennt – ich erinnere an den Fall der vermissten Tochter, den ich auf Facebook ungefähr so gehandhabt habe; im Nachhinein hat sich rausgestellt, dass mein Franz den Hans (obwohl er nur eine Handvoll Freunde hatte) doch nicht kannte. Das mit der Expertise finde ich ebenfalls schwierig, denn es gibt ja Menschen, die aus guten Gründen ihre wahre Identität unter Verschluss halten möchten. Viel wichtiger als wasserdichte Verifizierungsprozesse ist daher meiner Meinung nach die Einsacht, dass es immer Deppen gibt, dass die unser internationales Online-Support-Verhalten aber keinesfalls künftig negativ beeinflussen dürfen.
HI Annina,
dass es Deppen gibt, die manipulativ arbeiten: Keine Frage.
Den Facebook-Fall habe ich ähnlich gehandhabt. Aber auch hier: Sobald eine kritische Masse erreicht wurde, ist das Ding sofort aufgeflogen. Menschen “kennen” Leute schon, wenn sie auf Facebook befreundet sind. Ist eine Dynamik, die man mit einplanen kann.
Wobei Vermisstenfälle eine andere Liga sind (ebenso wie der Fall des unbekannten Bloggers während Kriegen usw.) Da gibt es wenig “Expertise”, richtig. Trotzdem würde ich das Konzept nicht fallen lassen. Wenn du ein Video aus Damaskus hast, dann brauchst du jemanden, der diesen Dialekt spricht, Leute, die schauen, ob die Schatten richtig fallen usw. Du brauchst aber auch immer Experten/Ortskundige, die dir sagen, ob das Geschriebene faktisch stimmt.
Und ich würde sagen – immer unter Vorbehalt dessen, dass man im Nachhinein immer altklug daherreden kann -, dass man den Fall von Amina anders hätte lösen können. Es gab ja Journalisten, die instinktiv das erst einmal in Frage gestellt haben. Alleine kamen sie aber nicht weiter. Vielleicht ist die Lektion ja, dass man immer und direkt Menschen vor Ort mit einbeziehen muss und diese Quellen-Unsicherheit auch direkt mit kommunizieren muss.
Da wird zusätzlicher Druck erzeugt und damit wird die Beweislast zuungunsten eines potentiell gefährlich lebenden Menschen ausgelegt. Noch ist das ziemlich unbefriedigend.