Ich kenne niemanden, mich persönlich betrifft das überhaupt nicht, hier vor meiner Tür scheint die Sonne, nach dem Einkauf standen mir kurzzeitig Schweißperlen auf der Stirn, ich musste mein Autofenster runterkurbeln, so heiß war es heute in München. Trotzdem sitze ich seit knapp 24 Stunden vor dem Laptop-Bildschirm und ich kann nicht erklären, warum das so ist.

Was passieren wird, trifft ein, ohne dass ich was daran ändern könnte. Wenn es zur Kernschmelze kommt – oder schon gekommen ist – dann ändert es nichts, ob ich es sofort weiß oder in zwei Stunden. Warum also sitze ich so lange vor dem Bildschirm? Eigentlich müsste ich die Bewerbung für die Henri Nannen schreiben, eigentlich müsste ich recherchieren, was genau der Machtbegriff bei Foucault aussagt und wieso Baudrillard ihm widerspricht. Stattdessen sitze ich nonstop vor dem Laptop und folge dem Stream, den Nachrichtenseiten und schaue Videos.

Ich glaube, es liegt daran, dass man selbst eine Entscheidung treffen muss. Dadurch, dass man viel näher am Geschehen ist, wirkt das Ereignis viel größer, weil man es einfacher fassen kann, man kriegt nonstop Informationen, die Updates hören nicht mehr auf, sekündlich könnte sich was ändern. Damals, als am 11.9.2011 das World Trade Center attackiert wurde, hatte irgendein Sender – ich glaube n-tv, bin mir aber nicht mehr sicher – sein Programm dauerhaft auf Live-Berichterstattung geändert. Zehn Stunden müssten es gewesen sein, die ich vor dem Fernseher verbracht habe.

Und Twitter ist diese Live-Sendung, in der man unendlich viele Blickwinkel hat, jede Nachrichtenseite hat einen Liveticker, auf Twitter werden immer mehr Leute genannt, die über genügend Sachkompetenz oder Ortsnähe verfügen, man weiß, was passiert, sobald es passiert. Die Information kennt keine Schranke, es gibt kein Gatekeeper mehr, der die Tür schließt und uns von der Information trennt.

Auch wenn das an der Gesamtsituation nichts ändert, für mich ändert das alles. Ich komme nicht weg. Denn dazu müsste der Fall abgeschlossen sein, ein Nachrichtensprecher müsste sagen “Wir halten Sie auf dem Laufenden, die nächste Sendung ist in vier Stunden. Jetzt kommt das Wetter.”. Aber  es wird nicht abgeschlossen, der Informations-Fluss strömt weiter. Unaufhörlich. Man muss für sich entscheiden, wann man aus- und wann man wieder einsteigt. Genau deswegen gehe ich jetzt joggen.

Illustration: James White (gefunden bei diskursdisko)